Der Schweizer Filmregisseur und Filmproduzent Jürg Neuenschwander wurde 1953 im Emmental geboren. Seit den frühen Siebzigerjahren arbeitet er mit Video und Film. 1978 war er Gründungsmitglied der „Container TV, AG für Film- und Fernsehproduktion“. 1979 bis 1981 entwickelte und leitete er ein umfangreiches Community-TV-Projekt im Berner Tscharnergut-Quartier. Seit 1984 ist Neuenschwander Autor zahlreicher Kino-, Fernseh- und Kurzfilme, die er in Bangladesh, Nepal, Mali, Burkina Faso, Bolivien, China, den USA und der Schweiz drehte. Er gründete 1999 das MediaLab an der Hochschule der Künste Bern, das er bis 2008 leitete. Mehr über den Regisseur und Produzenten Jürg Neuenschwander auf www.juergneuenschwander.com oder auf Wikipedia.

Anmerkungen des Regisseurs und Produzenten Jürg Neuenschwander

„Die gelbe Gefahr.“ „Den Chinesen ist nicht zu trauen.“ Oder „Die Chinesen werden kommen und uns auffressen“: Das sind Schlagworte, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ich schnappte sie Ende der Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts, mitten im Kalten Krieg, als kleiner Bub auf, ohne zu verstehen, was sie bedeuten. Die Sätze haben sich in mir eingenistet, mich irgendwie voreingenommen und misstrauisch gemacht, aber auch mein Interesse geweckt.

Als ich begann, mich in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren mit politischen und sozialen Fragen zu beschäftigen, tauchte „China“ wieder auf. Die Kulturrevolution war auf ihrem Höhepunkt, im Kursbuch 16 begegnete mir ein Aufsatz von Peter Schneider zum Wesen der Kulturrevolution. Im Berner Kellerkino liefen China-Filme, darunter von Joris Ivens der Film „Wie Yü Gung Berge versetzt: Die Apotheke Nr. 3 in Shanghai“, wo vom Segen der neuen Selbstverwaltung und der Kraft der Eigeninitiative berichtet wurde. Das war Wasser auf meine Mühle, Selbstverwaltung war damals auch mein Thema. Oder Antonionis „Chung Kuo Cina“, der über 220 Minuten detailreich aus dem Alltag der Chinesinnen und Chinesen erzählte. So detailreich, dass er in China nicht gezeigt werden durfte. Das war hart.

1989 reiste ich via Beijing nach Tibet und drehte innerhalb einiger Monate meinen Film „Shigatse – eine Spritze kommt selten allein“. Hier erlebte ich hautnah die Auswirkungen der dunklen Seite der Entwicklung Chinas. Mein Verhältnis zu „China“ blieb zwiespältig – interessiert und angezogen, aber gleichzeitig auch vor den Kopf gestossen und verärgert.

Um China genauer kennenzulernen, verlegte ich von Oktober 2008 bis Ende 2014 meinen Lebensmittelpunkt nach Shanghai. Als Gastdozent und Berater von Professor Wu Zhiqiang, Vizepräsident der Tongji-Universität Shanghai, bekam ich direkten Einblick in den chinesischen Universitätsbetrieb. Zusammen mit dem Shanghai Peking Opera Theatre realisierte ich den Kurzfilm „Der rechtschaffene Richter Bao“ und drehte den China-Teil von Dagmar Brendeckes Film „Die Angst hat 1000 Augen“, den ich auch produzierte. Ich bereiste grosse Teile Chinas, recherchierte für meinen Film und machte weiter mit Erkundungen zur Wasserproblematik auf dem Tibetischen Hochplateau in der Provinz Qinghai. Auf Anfang 2016 wurde ich als Foreign Expert an die Tongji-Universität berufen, wo ich für die nächsten Jahre jeweils zwei Monate pro Jahr lehre.

Über die Jahre habe ich ein neues Verhältnis zu den chinesischen Kulturen entwickelt, einem zum Teil sehr konfliktreichen Nebeneinander von 57 Ethnien mit oft ganz unterschiedlichen Glaubensrichtungen: Muslime neben Christen, Buddhisten und Daoisten. Die chinesische Volksreligion, der Shenismus, ist von der Regierung nicht anerkannt. Die Mehrheit der Chinesen ist nach offiziellen Angaben konfessionslos. Es gibt in China alles und von allem viel. 1,3 Milliarden Menschen, die Hälfte wohnt in grossen, meist neu hochgezogenen Städten. Hochgeschwindigkeitszüge neben primitiven Eselskarren, topmoderne Kliniken neben schlecht eingerichteten Sanitätsposten in den Dörfern. Die Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen Stadt und Land sind enorm.

Kreatives Entwickeln statt plumpen Kopierens

Über die letzten gut dreissig Jahre sind grosse Fabriken und eine enorme Anzahl kleinerer und mittlerer Betriebe entstanden, die einerseits für westliche Auftraggeber produzieren, andererseits das gewonnene Know-how in eigene Produkte stecken und den Markt mit meist minderwertigen Kopien überschwemmen. Für solche Produkte wird in China seit einigen Jahren als augenzwinkernde Bezeichnung der Begriff „Shanzhai“ gebraucht. Diese Produkte sind eine offensichtliche Imitation, ein Fake. Im Westen sind v. a. diese billigen Kopien bekannt, sie gelten als widerrechtliche Fälschungen und Plagiate, die den Know-how-Vorsprung westlicher Firmen bedrohen und diese ums Geld bringen. Diese Art Shanzhai interessiert mich allerdings nicht, auch wenn es diese Kopien gibt und sehr viel darüber publiziert wurde und wird.

Shanzhai bezieht sich ursprünglich auf den klassischen chinesischen Roman „Die Räuber von Liang-Schan-Moor“, in dem Geschäftsleute, Bauern, Mönche und Militärs in Robin-Hood-Manier gegen das korrupte Regime der Song-Dynastie rebellieren. Shanzhai – wörtlich „Bergfestung“ – diente den Aufständischen nach ihren Raubzügen als sicheres Rückzugsgebiet.

Mich interessierten die Unternehmer, die hinter den anderen Shanzhai-Produkten stehen, die weit mehr sind als simple Kopien, die von Ideenreichtum und Variantenvielfalt strotzen, die „das chinesische Rezept“ der geschickten Kombination von Bestehendem und der kontinuierlichen Weiterentwicklung anwenden. Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch „Shanzhai – Dekonstruktion auf Chinesisch“: „In Bezug auf Design und Funktion stehen die Shanzhai-Produkte dem Original nicht nach. Technische und ästhetische Modifikationen verleihen ihnen eine eigene Identität. Sie sind funktional und modisch. So können sie sich sehr schnell besonderen Bedürfnissen und Situationen anpassen.“ Diese Produkte schaffen es immer wieder, die Vorlagen in Funktionalität und Qualität zu überbieten und zu Verkaufshits zu werden. Shanzhai-Anbieter unterlaufen mit ihrem Angebot die gängigen Monopolstellungen und kratzen damit auch an herrschenden Marktregeln und Machtstrukturen. Das Beste aus aller Welt vereinend, steht Shanzhai für Globalisierung. Shanzhai denkt und handelt gleichzeitig lokal und global. Eine freche Mischung, die Sprengstoff birgt – vor allem, wenn die Shanzhai-Produkte sich besser verkaufen als ihre Vorbilder und dadurch die etablierten Konzerne das Fürchten lehren.

Hinter „Shanzhai“ steht das althergebrachte Verständnis der Chinesen, dass alles in ewiger Bewegung und Entwicklung ist, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt. Deshalb fehlt im traditionell chinesischen Verständnis der Begriff des unantastbaren, absoluten Originals. Vielmehr sind Werke und Erfindungen nie abgeschlossen und werden durch ständiges Kopieren und Kombinieren in die Aktualität transformiert und erneuert: das chinesische Rezept. Oder wie Byung-Chul Han treffend schreibt: „Jene Nach- und Fortschöpfungen, die das Œuvre eines Meisters ständig verändern und neuen Gegebenheiten anpassen, sind selbst nichts anderes als meisterhafte Shanzhai-Produkte. Kontinuierliches Transformieren etabliert sich in China als eine Methode der Kreation und Kreativität.“ Sobald die Kopie zum neuen Original geworden ist, ist das kopierte Original Abfall. Häufiges Kopieren bedeutet grosse Wertschätzung für ein Werk bzw. ein Produkt. Byung-Chul Han: „Nicht eine einmalige Schöpfung, sondern der endlose Prozess, nicht die endgültige Identität, sondern die ständige Wandlung bestimmen die chinesische Idee des Originals.“

Die Politik der Reform und Öffnung bringt die Wende

Als Deng Xiaoping Ende der Siebzigerjahre den Startschuss zum grossen wirtschaftlichen Aufbau gab, lag China am Boden, die Fabriken waren veraltet, die Menschen mausarm, viele Fachkräfte und Intellektuelle tot, das Land vollständig isoliert. China begann, im Ausland Maschinen einzukaufen, zu zerlegen und den damaligen Bedürfnissen angepasst nachzubauen: Shanzhai. Später kamen viele Chinesen, die im Ausland studiert hatten, in die Heimat zurück – und mit ihnen viel Wissen und Erfahrung. Über Kooperationen mit westlichen Firmen erwarb sich China zudem viel Hightech-Wissen und begann, Autos, Highspeed-Züge und intelligente elektronische Geräte für die Massen zu produzieren. Das Shanzhai-Denken hat die Entstehung eines dichten Netzes von Fabriken begünstigt. Dieses Ökosystem von Mikro- und Makromanufaktur ermöglicht heute schnelles Testen und Adaptieren neuer Produkte für spezielle Zielgruppen und untergräbt schon oft die bestehenden, naturgemäss trägen Produktionsstrukturen etablierter Konzerne.

Bereits am 22. Januar 2009 publizierte das Wall Street Journal einen Artikel mit dem Titel „Imitation Is the Sincerest Form of Rebellion in China“. So wurde Shanzhai ein Synonym für eine Gegenkultur, für eine Demokratisierung der Warenwelt, für eine Kritik an der Macht der Konzerne – und indirekt ist dies damit in China, wo alles zentral von der Regierung gesteuert wird, auch eine Kritik an den politischen Verhältnissen und an der Zensur.

Das Bewusstsein, dass auch Firmen ausserhalb Chinas voneinander abschauen (siehe die Patentkriege zwischen Apple und Samsung), und Diskussionen um ein aufkeimendes neues Verständnis des Urheberrechts im Westen lassen Shanzhai in einem neuen Licht erscheinen. Westliche Strömungen, die an Shanzhai erinnern, sind Open Innovation, Open Source, Open Design, Open-Source-Hardware und auch die Creative-Commons-Bewegung, wo freiwillig ganz oder auf Teile des Copyrights verzichtet wird. Vordenkerinnen und Vordenker des chinesischen Shanzhai sind überzeugt, dass China in Zukunft in mancherlei Hinsicht wegweisend sein könnte: Wenn sich westliches „Open“-Denken und chinesischer Shanzhai-Ansatz verbinden, könnte das die Entwicklung und Verbreitung von Technologie demokratisieren und beschleunigen. Dazu David Li, Gründer des XinCheJian, des ersten Hackerspace in China, und Mitinitiant der Research-Initiative Hacked Matter: „Shanzhai and open source hardware are twins separated by birth and if we can join them, it will create some very interesting opportunities.“ Clive Thomson gibt einen guten Einblick in die aktuelle Entwicklung in seinem Artikel, den er für Wired geschrieben hat: How a nation of tech copycats transformed into a hub for innovation.

Mein Film erzählt Geschichten von Menschen aus drei unterschiedlichen chinesischen Unternehmer-Generationen. Ruilin Wang hat als Teenager die Ungerechtigkeiten und Leiden während der Kulturrevolution am eigenen Leib miterlebt. Er steht am Ende seiner Karriere und ist ein Joint Venture mit der Schweizer Bühler-Gruppe eingegangen. Xiaohui Zhous Unternehmen hat die Startphase erfolgreich gemeistert und Chuan Angelo Yus Startup feiert seinen ersten Erfolg im Silicon Valley.

Die Bergfestung hat sich gewandelt, die Räuberinnen und Räuber auch.

Jene Nach- oder Fortschöpfungen, die das Œuvre eines Meisters ständig verändern und neuen Gegebenheiten anpassen, sind ja selbst nichts anderes als meisterhafte Shanzhai-Produkte. Kontinuierliches Transformieren etabliert sich in China als eine Methode der Kreation und Kreativität.


Byung-Chul Han

Shanzhai-Regeln

nach Lyn Jeffrey und Bunnie Huang

  1. Erfinde das Rad nicht von Neuem: Baue auf dem Besten auf, das andere bereits erdacht und produziert haben. Mache nichts selber, das du woanders billiger kaufen kannst.
  2. Optimiere den Produktionsprozess in Bezug auf Geschwindigkeit und kleine Kosteneinsparungen. Kauf billig ein, verkaufe teurer weiter. Zeit IST Geld! Keine Innovation bloss um der Innovation willen.
  3. Sei grosszügig im Teilen von Informationen, damit es anderen leichter fällt, wertschöpfend am Prozess teilzuhaben. Es gibt wenig Vertrauen in den künftigen Wert von geistigem Eigentum (IP) oder Inventar. Wenn ich dadurch, dass ich dir Einblick gebe in meine technischen Daten, rascher einen Handel abschliessen kann, dann mache ich es. Einen Tag mit dem Unterzeichnen eines Stillhalteabkommens zu verbringen heisst, länger auf meiner Ware sitzen zu bleiben.
  4. Produziere erst, wenn du einen Käufer hast.
  5. Gehe verantwortlich mit der Versorgungskette um. Oder: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu (altes Sprichwort; Silberne Regel von Konfuzius).
  6. Gute persönliche Beziehungen („guanxi“) sind das einzige immaterielle Gut von Wert.

Gespräch mit Jürg Neuenschwander

Ihr Film handelt von drei sehr verschiedenen Akteuren im chinesischen Wirtschaftsleben: von einer Gruppe junger Open-Source-Erfinder, die mit Drohnen ihr Glück in Kalifornien suchen; von einem Audio-Tüftler, der mit kopierten Bauplänen und High-End-Komponenten aus Abfallhalden Spitzengeräte für chinesische Kunden baut; und von einem Schweizer Maschinenbau-Multi, der mit seinem chinesischen Kopierer fusioniert statt zu prozessieren. Wie sind Sie auf diese Geschichten gekommen?

Zu Beginn meines mehrjährigen Aufenthalts in Shanghai sah ich in der chinesischen Wirtschaft, wie die meisten Europäer und Amerikaner, vor allem das irritierende Bild einer gigantischen, uniformen Kopiermaschinerie für Produkte aus aller Welt. In meiner Arbeit am College für Design und Innovation an der Tongji-Universität in Shanghai lernte ich aber schon bald innovative Chinesen kennen, die sich nicht auf plumpes Kopieren beschränken, sondern auf der Grundlage von aus dem Internet erkundeten existierenden Technologien vor allem Produkte entwickeln, die auf Bedürfnisse chinesischer Kunden Rücksicht nehmen.

Und wie entstand dazu die Idee für einen Film?

2010 traf ich David Li, den Unternehmer und Mitbegründer des ersten „Hacker- und Makerspace“ Chinas, dem XinCheJian, wo Start-up-Unternehmen Zugang zu technologischer und wirtschaftlicher Infrastruktur finden. Li öffnete mir die Tür zu einer rasant wachsenden jungen Szene in Shanghai und Shenzhen, wo sich ein chinesisches Silicon Valley für die Produktion von Open-Source-Hard- und Software entwickelt. Die kreative Unbeschwertheit dieser Leute entspringt der alten chinesischen Shanzhai-Tradition: Die sieht die Entwicklung der Menschheit als permanenten, grenzenlos innovativen Lern- und Entwicklungsprozess, in dem bestehendes Wissen erkundet, variiert und zu Neuem weiterverarbeitet wird. Dort gibt es keine Originale und Kopien, ja man freut sich, wenn Konkurrenten eigene Produkte als Grundlage für Weiterentwicklungen verwenden, die man wieder neugierig analysiert und als Basis für eigene Fortschritte nutzt. Diese andere Seite der chinesischen Wirtschaft wollte ich in einem Film sichtbar machen.

Und wie wurde aus der Idee ein Film?

Ich schrieb ein Drehbuch, das drei Geschichten von Akteuren der Shanzhai-Wirtschaft erzählt. Sie zeigen, wie diese Tradition in der heutigen Zeit des unglaublich rasanten Wandels von Gesellschaft und Wirtschaft für Millionen engagierter „kleiner Leute“ Chancen bietet, sich eine eigene Zukunft aufzubauen. Das Konzept des Films stiess beim Bundesamt für Kultur, dem Schweizer Fernsehen, der Berner Förderung und anderen Förderern auf Interesse. So war die Finanzierung des Films für einmal kein mühsamer Kampf.

Wie kamen Sie auf die konkreten Geschichten des Films?

Mit Hilfe von David Li erhielt ich Zugang zu einem „Inkubator“ in Shenzhen, in dem Investoren Start-ups zur Marktreife „ausbrüten“. Sie schiessen einen Anteil der Entwicklungskosten vor und sichern sich, wenn ein Unternehmen Erfolg hat, einen hohen Anteil an den Gewinnen. In diesem Inkubator habe ich die jungen Open-Source-Unternehmer kennengelernt, die mit ihrer Firma Hex damals vor allem Drohnen bauten. Ihre Spontaneität und Hartnäckigkeit hat mich fasziniert. Wir haben sie begleitet, als sie sich bei chinesischen Behörden und amerikanischen Organisatoren den Zutritt zu einer Open-Source-Erfindungsmesse in Kalifornien erkämpften. Und als sie von einem mit allen Wassern des kapitalistischen Wettbewerbs gewaschenen amerikanischen Unternehmer das Angebot erhielten, er werde ihre Produkte nicht nur in den USA vermarkten, sondern auch in Mexiko produzieren und weltweit verkaufen. „Was bleibt uns dann noch zu tun?“, fragte ein Hex-Mann auf der Rückfahrt, und die Kollegen lachten.

Die zweite Geschichte zeigt den Audio-Konstrukteur Xiaohui Zhou in seiner Manufaktur in Shanghai. Wie sind Sie auf Zhou gestossen?

Als ich nach China kam, brauchte ich einen neuen Verstärker mit Lautsprechern und suchte chinesische Spitzenprodukte. Ich durchforstete den immens grossen Internetshop Taobao. Zhous Webshop stach mir ins Auge. Er beschreibt genau, welche Weltmarkt-Geräte er als Ausgangsprodukte verwendet und wie er sie verbessert. Zhou verspricht Produkte „besser als das Original“. Er erklärte mir seinen beruflichen Werdegang zum Kleinunternehmer: Bevor er sich selbstständig gemacht habe, sei er bei Panasonic tätig gewesen. Dort habe er feststellen müssen, dass er bei einem internationalen Konzern immer „der Chinese“ sein würde, hinter seinen Chefs aus den USA, Japan oder Europa. In einem Zeitraum von vier Jahren habe ich Zhou mehrmals getroffen. 2012 entschied ich mich, im Film drei Geschichten vorzustellen: eine davon mit Zhou.

Wie kam der Schweizer Multi Bühler Uzwil in den Film?

Die Schweizer Handelskammer in Shanghai produziert ein Magazin, in dem ich ein Interview mit Dieter Vögtli las, dem Präsidenten für China und Südostasien des Schweizer Maschinenherstellers Bühler in Uzwil. Im Bild sah man den Schweizer auf einem geklonten Töff aus chinesischer Produktion. Und im Text sagte der Manager des Schweizer Konzerns, er sehe das Shanzhai-System positiv. Von Konkurrenten, die Bühler-Produkte kopierten, habe er viel gelernt. Das hat mich sehr überrascht. Umgehend telefonierte ich mit Vögtli. Der wollte zuerst einen Film von mir sehen. Darauf erklärte er sich bereit, uns zu zeigen, wie der Bühler-Konzern mit dem chinesischen Unternehmen Baolong – welches Bühlers Getreideverarbeitungsanlagen fortgesetzt kopiert hatte – fusionierte, statt um Patente zu prozessieren. In der Kooperation mit Baolong baute der Schweizer Konzern auf Basis seiner auf dem Weltmarkt führenden Spitzenprodukte, die sich nur Kunden in den reichen Industrieländern leisten können, einfachere, billigere Anlagen. So öffnete sich Bühler Märkte in anderen Schwellenländern, in Afrika oder Südamerika. Ein paar Jahre später kam es dann zur Übernahme von Baolong durch Bühler. Der Weltkonzern hat Shanzhai genutzt, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Wie waren die Produktionsbedingungen für diesen Film in einem so autoritären und überwachten Staat wie China?

Probleme hatten wir praktisch keine. Ich habe bewusst ohne Drehbewilligungen gefilmt. Ich wollte mit Behörden nichts zu tun haben. Wir arbeiteten mit kleiner, gemischter Equipe und ohne Kunstlicht. Auf öffentlichem Grund tauchten wir aus dem Nichts auf und verschwanden rasch wieder. Auf Fragen von lokalen Polizisten oder Aufsehern hatten wir immer eine Antwort bereit. Dank meiner Position am College für Design und Innovation war der Film auch ein Rechercheprojekt der Universität. Sicher wurden wir als Ausländer stets beobachtet, aber nur einmal behindert. In der grössten chinesischen Elektro-Schrotthalde in Guiyu, wo der Audio-Produzent Zhou Bestandteile für seine High-End-Geräte bezieht, hatte ich den Dreh allerdings angemeldet. Prompt wurden wir innert kürzester Zeit vertrieben – nicht von der staatlichen Polizei, sondern von Sicherheitsleuten der mafiosen Besitzer in einem gefälschten Polizeiauto. Ein BBC-Film, der in Guiyu massive Umweltschäden und lebensgefährdende Arbeitsbedingungen des Personals aufgezeigt hatte, hatte zu scharfen Massnahmen der chinesischen Behörden geführt. Offensichtlich wollten die Besitzer ihr Milliardengeschäft nicht wieder durch Ausländer gestört sehen.

Wie haben Sie sich bei den Filmarbeiten verständigt?

Ich spreche kein Chinesisch. Da ich während den Drehs oft nur rudimentär wusste, was unsere Gesprächspartner sagten, war es wichtig, dass meine Assistenten – die Chinesen Junjie Lin und Hang Cheng – sowie meine Beraterin, die österreichische Sinologin Ingrid Fischer-Schreiber, bei Gesprächen und bei den Schneidarbeiten dabei waren.

In Ihrem Film hat man den Eindruck, den Protagonisten im Alltag zuzuschauen. Inwieweit ist das echt und wo ist allenfalls inszeniert worden?

Auch im Dokumentarfilm braucht es Regieentscheide: Man entscheidet, von langen Prozessen nur Ausschnitte zu filmen. Und man verwendet von 100 Stunden gedrehtem Material beim Schneiden schliesslich nur 90 Minuten. Das ist Regie. Wichtig für die dokumentarische Qualität ist, dass sich Auswahl und Kombination des gezeigten Filmmaterials an der Wahrhaftigkeit orientieren. In einer Sequenz habe ich aktiv inszeniert: Als in Zhous Audioshop ein Kunde ein Gerät kaufte und für den Transport ein Taxi suchte, haben wir einen Taxichauffeur angerufen, den ich bereits früher bei Zhou als Kunde kennengelernt hatte. So ergab sich im Taxi ein Gespräch zwischen zwei Kunden über den Verkäufer Zhou.

Interview: Richard Aschinger, Journalist